zur Erde gekehrt. Sie ist bekleidet mit reichbeselziem Mantel; neben ihr liegt im Vordergrunde links Krone und Scepter, rechts ein Todtenkopf. Das Bild selbst nebst dem breiten Rande ist einfarbig, namlich grauschwarzlich, nur die leichten Schraffi- rungen, so wie die auf dem oberen und unteren Rande stehen- den Worte aus den Klagl. Jerem. Ill, 48 und V, 16 (mit Weg- lassung des beschaémenden Zusaltzes: O wehe, dass wir so ge- stindigt haben!) sind goldgedruckt. Dem Leser tiberlassen wir die Beurtheilung der Idec des Kinstlers, tiber welche unseres Erachtens erst die Zukunft recht richten wird; wir haben nur zu bemerken, dass die Schénhcit der Gestalt durch einige un- edle Linien, namentlich in dem hoch hervortretenden Schenkel verlelzt wird und dass es eine entschieden bessere Wirkung gemacht haitle, wenn der Raum der Ebene um die Gestalt herum nach beiden Seiten und nach oben grésser gewesen wire; sie fallt beinah den ganzen Raum bis an den Rand aus. Jager in Leipzig spendete ins Album eine Crayonzeichnung , Poesic und Geschichte“, Kupferstich von Geyer. Wahrend links die Poesie, eine gefliigelle, nur unterwarls bekleidete Gestalt mit dem Lorbeerkranz im Haar, auf Wolken thront und in die Saiten der Lyra greift, sitzt neben ihr zur Rechten auf einem Steine die ganz bekleidete Geschichte. Sie sttitzt dic Jinke Hand auf ihren Sitz, indess dic Rechte im Begriff ist, mit dem Griffel in das auf ihrem Knie liegende Buch zu schreiben. Ihr Anilitz, dessen Ztige Ernst und Festigkeit verrathen, wendet sie nicht zur Poesie, sondern rechtshin, als ob sie noch auf einen Schau- platz ausserhalb des Bildes hinblickte. Zu ihren Fiissen im Vordergrunde die Embleme des Krieges. Das Einzige, was wir an dieser wohldurchdachten Gruppe anders gewtinscht hat- ten, ist der Ausdruck der Poesie, in dem wir zwar nicht die Begeisterung, aber die rechte Freudigkeit vermissen. — Ешег der wenigen plastischen Kiinstler, die zu den Blaittern des Al~ bums beigesteuert haben, ist Rietschel, der auf 2 Blattern 4 Medaillons in Crayonzeichnung ,, Morgen und Abend“, , Tag und Nacht* vorfiihrt, Stahlstich von Adrian Schleich. Wenn wir unter der geringen Zahl der Genrebilder, die der erste Jahrgang brachte, keines tibergehen dirfen, so konnen wir uns dafiir aus der reicheren Zahl des zweiten mit der Hervorhebung weniger begnigen. Als erstes, getrennt von den anderen, fihren wir der Absonderlichkeit des Gegenstan- des wegen M. von Schwind’s geniale Composition ,die Gno- men vor der Zehe der Bavaria“ an, nach einer Crayonzeichnung in Kupfer gestochen von Mayr. Der Schauplatz ist die kinigl. Erzgiesserei, wo wir rechts im Vordergrunde nur eine Zehe der Bavaria sehen. Vor ihr stehen in der bedeutungsvollen Sie- benzahl, als Schulknaben mit Ranzchen oder ABC - Biichern ver- sehen, die kleinen Kobolde mit ihrem muskulésen Korper, al- ten, hisslichen Gesichtern, starken, langen Barten und gutmii- thig staunendem Ausdruck. Das Ergétzlichste des Bildes be- steht in der verschiedenen, echt knabenhaften Haltung und Stel- lung der Gnomen, wie sie durch das Anstaunen entweder der blossen Zehe oder des ganzen Colosses hervorgebracht wird. Der eine klopft mit dem Finger an die eherne Zehe, der an- dere kratzt sich hinter dic Ohren, der drilte schaut mit offe- nem Munde, die Hand an die Nasenwurzel haltend, bis zum Kopf der Statue hinauf, cin vierler endlich hat seinen Zollstab zum Messen auscinandergeschlagen. Die technische Ausfih- rung des Blattes lasst nichts zu winschen tbrig; namentlich sind auf dem gelblichen Farbenton die aufgesetzlen weissen Lichter von angenehmer Wirkung. Die drei dibrigen Genrcbilder des ersten Jahrgangs ent- hallen, wie die meisten des zweiten, Charaktere oder Scenen aus dem Alltags— oder Sonntagleben der Menschen. Zunachst die freundliche Lithographic in Halbfarbendruck von WO6lIffle nach Dirk s Oelgemalde: ,Kinder auf einer bayerischen Alpe*, die durch das tiber beide Kinder wie tiber die landschaftliche Umgebung ausgegossene Alpengliihen die lieblichste Wirkung hervorbringt. Schade, dass der ganze Oberkérper des knicen- den Madchens allzu gestreckt erscheint. In der vollen Schirfe, Reinheit und Pracision der Steinzcichnung, die es bis zur pla~ stischen Abrundung der Kérper bringt, zeigt sich Wélffle in Artaria’s Aquarellbilde , Aus dem Wanderleben in Spanien“ ), das in Hinsicht der lithographischen Ausfihrung und des Druckes vielleicht das beste Blalt der ganzen bis jetzt vorliegenden Sammlung ist. In der feineren Niiancirung der Details machen ihm freilich andere Zcichnungen desselben Lithographen, die wir unten erwilnen werden, den Rang streitig. Hieran reihen wir zunichst zwei Blatter in Stahlslich mit Schwarzkunst, beide von Schultheis, namlich im 1. Jahrg. die ,Rémerin aus Albano “ nach einem Aquarellbilde von Riedel in Rom, und im 2. Jahrg. » die Waisenkinder“ nach einem Oclbilde von Gisbert Flig- gen. Jenes, wenn wir nicht irren, von einem der stiddeut- schen Kunstvereine als Vereinsblalt gewahlt, zeigt uns in so dunkelbeschatleter Laubumgebung, dass nur wenige Weinblalter zu erkennen sind, cine der bekannten lieblichen Erscheinungen, wie sie uns Riedel schon oft vorgefithrt hat. Fast die ganze Vorderseite der schénen, sonntaglich geputzten Gestalt ist von dem durch eine Laubenéffnung hereinfallenden Sonnenlicht treff- lich beleuchtet, nur ist uns der grelle, scharf abgeschnittene Fleck auf der Schtirze, wenn auch nicht unerklarlich, doch cf- fektstérend. Die Technik des Stiches ist in der verschiedenar- tigen Behandlung der Haare, der Fieischtheile und der beklei- denden Stoffe untbertrefflich. Nicht ganz so hoch in dieser Hinsicht méchte wohl das zweite der erwahnien Blatter, ,, die Waisenkinder* zu stellen sein, viel weniger hoch aber in Be- zug auf Erreichung der Intention des Malers, dessen Stoffe sonst ungleich schlagender dargestcllt zu werden pflegen. Zwei verwaiste Kinder, ein Knabe und ein Madchen, treten in das im Rococogeschmack meublirle Zimmer einer im Lehnstuhl sitzen- den, reichen Tante oder Grosstante, die, wie der beschreibende Text sagt, ,,gertiirt und ergriffen von diesem Anblick die ar- men Waisen mit freundlicher Miene willkommen heisst“. Das lasst sich aber mit dem besten Willen aus der Hallung, der Handbewegung und dem Ausdruck der Dame nicht herausse- hen. Es ware, glauben wir, besser gewescn, wenn der ganze Oberkérper sich mehr den Kindern zugewandt, wenn die Hand- bewegung deutlicher cas Empfangenwollen der Hand des ge- gegentiberstehenden Madchens bezeichnet hiitte, und die allzu porirailartigen Zige lieblicher und freundlicher gewesen waren, was sie keinesweges sind. Dass das Madchen mit beiden Han- den die Schtirze nicht etwa nur anfasst, sondern erhebt, kann kein Motiv der Verlegenheit sein, sondern deutet, wie es hier dargestellt ist, eher auf das Empfangenwollen einer Gabe hin. Mit Uebergehung einiger unbedeutenderen Genrebilder des 2. Jahrganges gedenken wir noch zweicr Blitter der zuletat erschicnenen Lieferung, die durch Gegenstand und Technik gleich anziehend sind. Das ,,Berner Madchen am Sonntagmor~ gen“, nach einem Oelgemilde Schén’s von Preise! in Stahl gestochen, sitzt, im Gebelbuch lesend, vor dem offnen Fenster ihres einfachen Stiibchens. Freundlich schaut die Morgensonne herein und beleuchtet den Obertheil ihres Kérpers und im Hin- tergrunde die schneebedeckten Haupter. Aber diese Sonnen- strahlen Jassen alles Ucbrige im Zimmer etwas zu dunkel und nicht kennilich genug erscheinen. Auch hatlen dic im Mit- telorunde liegenden belaubten Vorberge scharfer in den Um- 1) Die ersten Abdricke des Blattes haben mrthimlch als Untersehrilt »Scene aus dem Wanderleben in Italien“.