Haupttrager hin, er ist eben nur der heitere Schalksnarr, der,
	,wie bei alten Ritterfesten“* neben dem Tod oder hinter ihm —
	herzieht.

In den Versen, die den T. T. als Erléuterungen dienen,
wie den Basler, Litbecker und andern, waltet fast immer ein
strenger Ernst vor, den unser Verfasser freilich nur ,trockne
Moral“ nennt; denselben finden wir in den Erlauterungsversen
der altesten T. T.-Handschriften und Drucke wieder, ohne dass
er jedoch den Humor geradezu ausschliesst. Abraham a Sancta
Clara freilich, der Erzhumorist, lasst in seiner grossen Todes-
briiderschaft, wie in seinem allgemeinen Todtenspiegel den Hu-
mor vorwalten, schliesst aber ebensowenig den bitteren Ernst aus.

Die fast allzu wortreichen Nachfolger Valvasor, Sal. v. Ru~
sting, Wasserburger, Meintl, halten sich an die ernste Seite:
diese waltet nicht minder vor in einer freien Auffassung der
T. T.-Idee; in R. Dayleys Deaths Doings, London. 2 Bde. mit
Kupfern und Holzschnitten.

Bleiben wir bei Holbein’s T. T. stehen, wer wollte ver-
kennen, dass viele der Bilder desselben der im deutschen Geiste
des Mittelaliers wurzeinde achte kernige Humor belebt? dass
aber auch, wenn man den Humor nicht tiberhaupt absichtlich
in der so mannichfach menschlich thatigen, ja sogar hanswurst~
artig nachaffenden Todtengestalt durchweg finden will, viele
Bilder dem Ernsten sich sehr ernst darstellen, die dem Spass-
haften immerhin. spasshaft erscheinen mégen, so die Vertreibung
der ersten Aeltern, der Fluch, der Kénig, die Kaiserin und
viele andere. Wie wahr und schién sagt Massmann in seinen
Erlauterungen zu Schiotthauer’s T. T. S. 69: — ,es weht durch
Holbein’s Lebens- und Todesbilder ein grosser ernster Geist “.
Und der sinnige edle Schubert, welcher zu Schlotthauer’s T. T.-
Bildern erklirende Reimzeilen dichtete, der doch gewiss auch
ein Mann tiefon Verstindnisses und Gemtithes — er hat in kei-
ner seiner Strophen den humoristischen Ton angeschlagen, —
hatte demnach nach dem einseitigen Urtheil des Herrn Dr. El-
lissen auch nur und ebenfalls einen ,triibseligen Missgriff* be-
gangen.

Der Verfasser tiberschreibt seine Bilderreihe recht passend :
Freund Heins Fibel, giebt auf der den Bildern gegenitber-
stehenden linken Blattseite die Parallelstelien der Bibel aus den
alten Texten zu Holbein’s T. T. in deutscher Sprache und dar-
unter die lateinischen Tetrastichen des Georg Aemylius, Lu-
ther’s Schwager, die eben auch ernst, und nicht spasshaft ge-
halten sind. Die Nachschnitte der Holbein’schen Iinitialen Hans
Lutzelburger’s durch Herrn Loedel sind eine wahrhalte Berei-
cherung der T. T.~Sammlungen, denn bei der grossen Selten-
heit der Originale wird kaum ein Sammler im volistandigen Be-
sitz desselben sein. Zeichnung und Schnitt erreichen in ihrer
vollendeten Technik die Originale, man muss sie sehen, muss
sie vergleichen, eine Beschreibung jedes einzelnen Buchstabens
wiirde zwecklos sein. Es ist ein vollstandiges Alphabet. Auch
die zierlichen Ranken und Arabesken, die den Text an drei
Seiten umgeben, zeigen einen Kiinstler, dem das Verstandniss
miltelalterlicher Ornamentik klar geworden. Am Schluss ist das
Facsimile der gedruckten Unterschrift des alten Originalblattes
	Fjanns Littielburger form(dnpder genannt Franch
	wiedergegeben.

Nun folgen in demselben Buche: ,,Geschichtliche Notizen
liber die Allegorie des Todes und iiber T. T. insbesondere*; in
den Text eingestreute Zahlen weisen wieder auf »Anmerkungen
und literarische Nachweisungen zu der vorstehenden Abhand-
lung“ hin, die einen gelehrten Apparal bilden und den Fleiss
heurkunden, den der Verfasser auf seine Abhandlung verwandte.
Da ist freilich eine ganz andere gediegenere Forschung und
	ihrem Meister tritt. — Alle echte Vielseitigkeit, die mit dem
Encyklopaedismus in dem enlschiedensten Widerspruch steht,
geht von einem einzigen festen Punkt aus. Fiir die Kunstbe-
trachtung ist cin solcher ganz unentbehrlich. Wo er nicht ge-
wonnen worden ist, da bildet sich eine herzlose Eklektik aus,
der alles Grosse nur Unbequemlichkeit verursacht.

Dr. Braun.
	Die neueste Todtentanz- Literatur.
	Yon Ludwig Bechstein.
(Sebluss.)
	Hat nun das politisch bewegte Leben Deutschlands in die-
sen beiden so eben besprochenen T. T. seinen Tribut empfan-
gen, und haben Poesie und zeichnende Kunst sich vereinigt,
um auch auf ihrem Gebiete Parteibanner aufzupflanzen und das
Feldgeschrei ,,Hie Welf! Hie Waibling!* erténen zu lassen, so
retten wir uns aus dem Kampflirm gern wieder hiniiber auf
das neutrale Gebiet, wo wir der Kunst uns rein erfreuen mé-
gen. Da finden wir denn zum Schluss noch ein héchst anzie-
hendes Werkchen.

MERE. Hans Holbeins Initial-~Buchstaben mit
dem Todtentanz. Nach Hans Liitzelburgers Original-
Holzschnitten im Dresdner Kabinet. Zum erstenmal treu co-
pirt von Heinrich Loedel. Mit erlauternden Denkversen und
einer geschichtlichen Abhandlung tiber die T. T. von Dr. Adolf
Ellissen. (Der Reinertrag ist fiir die deutsche Kriegsflotte
bestimmt.) Gdttingen, im Verlag der Dieterich’schen Buchhand~
lung. 1849.

Wir gewahren aber zugleich bei der Widmung: , Freund
Hain dem deutschen Volke“, die in wohlklingenden Versen ab-
gefasst ist, dass es nichts sei mit dem neutralen Boden, dass
der politische Odem, welcher Zeit und Geg 2nwart belebt, auch
dieses Werkchen durchweht, zum Ghick jedoch nicht stiirmisch;
wir finden in der Widmung die edelste Parteinahme durchge-
hends ausgesprochen. Das Vorwort berichtet in kunstversiaén-
diger Weise tiber das T. T.-Alphabet, dartiber schon gediegene
Kenner langst ihre anerkennenden Urtheile abgegeben haben.
Um das Verstandniss dieses Alphabets einem grissern Kreise
zu eréffnen, sind den Buchstaben kurze Erklirungen in Versen
beigegeben, worin sie ihrer urspringlichen Bestimmung gemass
als Initialen verwandt werden. “

Dieser ganz gliickliche Gedanke lag nahe, ja er erscheint
durch die Nothwendigkeit bedingt. Auch hat der Verfasser ohne
Zweifel den rechten Ton getroffen, indem diese schlichten Reim-
paare, fiir jeden Initial durchgangig fimf, den kleinen Bildern
véllig angemessen erscheinen. Wenn aber derselbe als Vorred-
ner und Herausgeber auf philosophisch-kritische Ansichten des
Herrn Rosenkranz sich in so fern stiitzt, dass er die Be-
hauptung aufstellt, es sei jede andere, als die humoreske
Auffassung der T. T.-Idee, namentlich eine pathetisch- senti-
mentale, nichts als ,ein tribseliger Missgriff“, so ist das eine
sehr diirftige und einseitige Behauptung. Wenn die Poesie sich
eines gegebenen Stoffes Behufs der Paraphrase bemichtigt, so
hat sie wohl unbestritten die volle Berechtigung, nach eigner
Eingebung damit zu verfahren. Nun wird sich doch unmég-
lich die Behauptung aufstellen lassen, dass tiberall und zu allen
Zeiten die Bilder des Todesreigen entstanden seien, um Spass
zu machen, und Humor und Schwank darzulegen oder hervor-
zurufen. Diese ernsten Gestaltungen predigten den Ernst und
ernst sind sie erfasst und betrachtet worden, ernst paraphrasirt
bis auf unsere Zeiten. Oder hat etwa z. B. Petrarea in seinem
Triumph des Todes Possen gemacht? — Die T. T.-Idee
erlaubt den Humor, sie stellt ihn aber keineswegs als ihren