Iu grésserer Anzahl befinden sich zu Amsterdam die Blatter
des ausgezeichnetsten Meisters, welcher unter den Kupferste-
chern seines Landes ein Verhiltniss einnimmt, wie Hans Mem-
ling unter den Malern der Eyckischen Schule. Duchesne in
seinem Voyage dun iconophile spricht anfanglich die Vermu-
thung aus, dass er ein Hollinder gewesen, der um 1480 ge-
lebt habe, wie es scheint, aus keinem andern Grund, als weil
er die meisten seiner Blatter in Amsterdam getroffen und deren
Behandlungsweise allerdings auf jene Zeit hinweisen. Im wei-
tern Verlauf seiner Mittheilungen und aucl bei dessen 6 Blat-
tern im Pariser Cabinet, nennt man ihn geradezu den ,,hollaén-
dischen Meister von 1480“, was, auf einer blossen Vermuthung
beruhend, vorerst in keiner Weise zulissig erscheint. Es wiirde
hier zu weit fiihren, ein vollstandiges Verzeichniss derselben zu
	geben. Ich beschranke mich deshalb jetzt auf foleende Angaben,
	wobei besonders auf solche Blatter Riicksicht genommen Ist,
von denen sich auch Exemplare in andern Kupferstichcabinetten,
als dem Amsterdamer, vorfinden, um hiedurch Kunstforschern
dic Kenntniss derselben zu erleichtern  )

1.* Delila sitzt auf einer Wiese und scheidet dem Simson
dic Haare ab. kl. 4. Im Pariser Cabinet.

2. Die Verkiindigung. kl. 8. Amst. Cab. No. 214.

3. Die Beschneidung, reiche Composition. 8. Amst. Cab.
No. 215.

4. Die drei Konige auf dem Wege nach Bethlehem. kl. 4.
Amst. Cabinet No. 216.

5. Maria im Schooss der h. Anna. kl.4. Amst. Cab. No. 223.

6.* Maria, auf der Mondsichel stehend, halt in ihrem linken
Arm das Christkind; ihr Haupt ist von einem Sternenkranz um-
geben, ihre Gestalt von einer flammenden Glorie. Im Pariser Cab.

$. Johannes der Taufer, mit cinem Lamme im Arm, steht
in einer Nische. kl. Bl. Amst. Cab. No. 229.

8. Der Apostel Paulus, Buch und Schwert haltend. Amst.
Cab. No. 230.

9, Der Kopf Johannes des Taufers, auf einer Schiissel lie-
gend. kl. Q.-Bl. Amst. Cab. No. 231.

{0. St. Sebastian an eine Sdule gebunden, rechls ein Mann,
der Pfeile aus seinem Kécher zieht, links hinter einer Briistung
der Richter. kl. BI. Amst. Cab. No. 232.

11. St. Sebastian, an einer Sdule, mit sechs Pfeilen durch-
schossen. Sehr kl. Bl. Amst. Cab.- No. 233.

12. * St. Georg steht geriistet vor dem rechts hingestreckten
Drachen, ihn beim linken Ohr fassend u.s.w. 4. Amst. Cab.
No. 238. und im Pariser Cab.

13.* 14. St. Simon und St. Thomas. Zwei sehr schén be-
handelte ki. Fol.-Blatter, wahrscheinlich zu einer Folge der

zwolf Apostel gehérend. Im Dresdener Cab.

15.* St. Quirin steht geharnischt mit einer Fahne in der
Rechten. Zu seinen Fiissen knieen links ein Konig, ein Ritter
und seine Frau; rechis eine Nonne und ein Kriippel. Oben halt
ein Engel ein Wappen mit neun Kugeln. Unten stehen in Ménchs-
schrift vier Zeilen, anfangend:

® marécale Hancte Qui шагает groot

Begcerme ong oer ben Hastige oa hot

Daoer pestelenci ete.
Octav-Blatt in dem Mimchener Cab. Ob dieser Stich von dem~
selben Meister, wie obige Blatter, gefertigt ist, lasse ich noch
dahingestellt, doch ist er in der schénen niederlindischen Weise
behandelt. ;

16. St. Aegidius. Der Bischof als Goldschmied himmert
in seiner Werkstatte an einer Klingel. Links der Schmelzofen;
rechls zwei Gesellen in Arbeit. Im Zimmer mit zwei Fenstern
	1) Diese зта die mit einem * hinter der Nummer bezeichneten 14 Blatter.
	zuruckschreckt. Vor solchen Irrwegen mochten wir die talent~
уоПе Kiinstlerin warnen, von der uns noch von einer fritheren
Ausstellung her die meisterhaft aufgefasste und durchgefihrte
Gruppe einer Mutter mit ihrem Kinde bis in die kleinsten Zige
in der lebhaftesten Erinnerung ist. Wir bitten die Kiinstlerin,
sich nur auf dem Standpunkt dieses Bildes zu behaupten.
Von Constantin Cretius sind, ausser dem Portrait des
jetzt regierenden Sultans, italienische und griechische Landleute
in ihren festlichen Aufziigen ausgestellt, mit zum Theil héchst
gelungenen Gruppirungen und in siidlich glithender Farbung.
Eine Eigenthiimlichkeit ist der sinnige, halb melancholische,
Robert’sche Gesichtsausdruck, den wir fast durchgangig bei

den Figuren bemerkten und der hier und da etwas an’s Sen-
timentale streift. } (Forts. folgt.)
	Zur Kunde der altesten Kupferstecher und ihrer Werke.
	Von J. D. Passavant.
(Fortsetzung.)
	Die Niederlander der Eyckiscden Schule.
	Obgleich die Kupferstiche dieser Meister theilweise zu den
schénsten gehéren, welche das 15. Jahrhundert hervorgebracht,
und namenilich die Stiche eines derselben an Zartheit des Grab-
Stichels, Schénheit der Zeichnung und safligem Schmelz der
Schatten alles iibertreffen, was von seinen Zeitgenossen gelei-
stet worden ist, so entbehren wir, da sie weder sich selbst,
noch den Ort, wo, und die Zeit, in der sie gelebt, je ange-
geben haben, eine jede Notiz tiber sie; aber auch ihre Stiche
sind von der gréssten Seltenheit ), so dass die reichsten 6f-
fenilichen Sammlungen deren nur einzelne besitzen, mit ein-
ziger Ausnahme des Cabinets zu Amsterdam, welches das Glick
hatie, im Jahre 1806 aus der Verlassenschaft des Baron von
Leyden etliche 70 Blatter dieser Niederlinder zu erwerben.
Dort ist jetzt allein eine umfassendere Kenntniss dieser héchst
wichtigen Gruppe von Kupferstichen zu erlangen. Einige der~
selben sind mit blasser Schwarze vermittelst des Reibers oder
Cylinders gedruckt und haben ganz das Ansehen von schraf-
firten Federzeichnungen. Sie gehdren wohl zu den Altesten
Kupferstichen der niederlindisch-Eyckischen Schule.

Es sind namentlich folgende 6 Blatter:

1. Simson reisst dem Léwen seinen Rachen auf, wahrend
er auf ihm reitet. kl. 4. In dem Amst. Cab. No. 213.

2. Die Verkiindigung. Dieses Blatt scheint von demselben
Meister wie des vorstehenden gefertigt, ist aber keine voratig-
liche Arbeit. kl. 8. No. 214.

3. Maria stehend halt das unbekleidete Christkind im Arm.
Ein schon und einfach behandeltes Blatt. 8. No. 225.

4. Zwei turnirende Ritter halten statt der Lanzen ausge-
rissene Baume. Schénes kleines Queerblatt. No. 211. Von Is-
rael van Mecken giebt es eine Copie, oder Benutzung dieses
Blattes. 5. Bartsch No. 200.

5. Zwei ringende Manner fassen sich um ihre Leiber; Hir-
tenstabe liegen zu den Seiten, nebst Mantel und Kappe. ki. 4.
No. 212.

6. Eine Frau wandelt mit einer Jungfrau auf bebliimter
Wiese. kl. 4. Dieses Blatt besitzt das Dresdener Kupferstich-
cabinet.
	1) Bartsch in seinem peinire graveur beschreibt davon nur 8 Blatter im
_X. Theil, namlich p.1 No. 1, Salomons Abgétterei, p. 2 No. 3. die Heimsu-
chung, p. 49 No. 21. 22. 23. drei in Nischen stehende mannliche Figuren,
p. 52 No. 28, Ein Tiirke zu Pferde, p. 46 No. 16. Ein Bauer und p. 51.
No. 26. Die Frau, ihren Mann unterjochend. — Mein Verzeichniss zahlt bis

jetzt 97 Blatter.