eiuen Kande beweist; die geometrische Kugel liegt neben der
Zange, das Fiigmaass neben Hobel und Sage; letztere kreuzt
sich mit dem nur zu theoretischen Zeichnungen dienenden Li-
neal und wieder diesem zunichst liegen verbogene, sumit
schon gebrauchte Bretinigel und neben diesen schliesst das Bild
auf dieser Scite der Schreib- oder Zeichnenstift, wie auf der
anderen Seite. das Farben- oder Dintegefass.

Ueber dem ganz theoretischen, praktisch nutzlosen magi-
schen Quadrat hangt die taglich im Leben gebrauchte Glocke,
Uhr und Waage; beide letzteren zugleich tiber dem Ganzen
schwebend als Sinnbild, dass Alles zur rechten Stunde und in
rechtem Maasse vertheilt uns durchs Leben geleiten soll.

Denn nur durch eine glickliche Verbindung des Theore-
tischen und Praktischen kann das Leben sich wohlthuend fir
Andere, wie fir uns selbst gestalten, nur so kann das dro-
hende Meteor ins Meer sich unschadlich senken, der hoffnungs-
reiche Regenbogen uns erscheinen und der Damon der Melan-
cholie muss entfliehen, wie denn auch zum Ueberfluss die In-
зе besagt: Melencolia i!, Melancholie gehe fort,
weiche von mir!

Des Bildes Lehre ist: weder das miissige Nachsinnen, noch
die einzig auf das tagliche Leben und seine Bediirfnisse ge-
richtete Bestrebung, soll unser Leben ausschliesslich fillen ;
nur die rechte und innige Verbindung beider erhalt uns die
¥rische und Heiterkeit des Geistes, vor der alle triiben Gedan-
ken, ja die Melancholie selber flichen muss, wie ihr hier aus-
driicklich geboten wird.

Ueber Allem aber im Bilde, wie iiber allem Menschlichen
im Leben, schweben die Kategorieen des Méglichen, Wirkli-
chen und Nothwendigen, bildlich dargestellt durch die Méglich-
keit der Bewegung in Waage und Glocke, die wirkliche Be-
wegung in der Uhr und die Nothwendigkeit in der unabander-
lichen Zahl des magischen Quadrates.

Eine solche Lehre, jedem Ohre klingend, keiner Zunge
fremd, sinnig und kinstlerisch darzulegen, musste, um klar
zu werden, nothwendig an einem und demselben Gegenstande,
hier der reinen und angewandten Mathematik, abgesponnen
werden und solche Aufgabe war wohl des ktnstlerischen Fleis-
ses werth, der an die Darstellung von dem unvergleichlichen
Meister gewendet worden ist. Ludwig Choulant.
	CAunstiiteratur.
	}-von Bildern, an welchen friher Niemand Anstand genommen
hatte, zu berichtigen, ist dieser Versuch des Herrn Miindler
die erste Schrift iber diese Sammlung, welcher ich einen wis~
senschaftlichen Werth zuerkennen kann, da sie das Ergebniss
eines vieljahrigen, in den meisten Sammlungen Europa’s mit
dem gréssten Eifer gemachten Studiums und einer ungemeinen
Belesenheit auch in den specielleren Quellen der Kunstgeschichte
ist. Die Veranlassung zu dieser Schrift hat der neue Catalog
des jetzigen Directors Hrn. Villot gegeben, welcher, im Ge-
gensatz mit den Versicherungen tiefer Untersuchungen in der
Vorrede, von Fehlern im Urtheil wie in dem Factischen der
Kunstgeschichte wimmelt. Die Anordnung der Meister ist hier
die alphabetische, welcher daher auch der Verfasser folgen
muss. Unter der grossen Zahl von Berichtigungen, welche Hr.
Mindler in beiden Beziehungen beibringt und den Betrachtun-
gen, welche er daran kniipft, muss ich mich hier begniigen, eine
massige Zahl der wichtigsten hervorzuheben, welche indess
geniigen werden, alle, denen es mit dem Studium der Ge-
schichte der Malerei Ernst ist, auf die Wichtigkeit dieses von
dem Verfasser mit einer sehr bescheidenen Vorrede eingefithr-
ten Biichleins aufmerksam zu machen. Dadurch, dass Hr. Villot
bei der Eintheilung der italienischen Schulen dem System des
Lanzi folgt, welches, wie der Verfasser sehr richtig bemerkt,
héchst willkirlich an Orten eine eigene Schule schafft, wo nie
eine von Bedeutung gewesen, wie zu Mantua, andere héchst
bedeutende, wie die paduanische, oder gar die umbrische, als
solche gar nicht erwaéhnt, zeigt er, dass er von dem gegenwar-
	tigen Stand der Kenntniss tiber die italienische Malerei, welche
in Deutschland und in England Gemeingut aller Gebildeten ge-
	worden, gar keine Notiz genommen hat. Eben so wenig ist
dieses mit einzelnen Daten tiber die Meister jener Schule der
Fall, denn alle besonnenen Forscher sind z. B. langst dartiber
einig, dass Andrea del Sarto 1488 geboren ist, wahrend
Hr. Villot noch 1478 giebt. Sowohl bei der Schule von Um-
brien, als bei dem Meister derselben, L’Ingegno, nimmt der
Verfasser Gelegenheit, dem Hrn. von Rumohr die hohe Wich-
tigkeit zu vindiciren, welche er in der Kritik der neueren
Kunstgeschichte einnimmt, die aber Hr. Villot ebenfalls ginzlich
ignorirt. Gelegentlich des trefflichen Bildes von Bianchi
Ferrari, in welchem ich den Lehrer des Correggio zu erken-
nen glaubte, rechtfertigt der Verfasser kritisch die damit aiber-
einstimmende Aeusserung des Vedriani. In Betreff des Mo-
retto, der nach der kiihlen Aeusserung des Hrn. Villot nur
als ein geschickter Nachahmer des Tizian und Raphael er-
scheint, weist der Verfasser ihm die hohe Stelle, die eigen-
thiimliche Bedeutung an, welche er unter den deutschen Kunst-
freunden bereits seit Jahren einnimmt. Ausser der trefflichen
Schilderung, welche er von ihm als Kistler macht, giebt er
noch aus einer mir nicht bekannten Quelle Naheres iiber seine
edle, feine und in der religidsen Richtung dem Fiesole ver-
wandte Persénlichkeit, und bestimmt seine Blithe genauer als
bisher von 1524—1575. Ausser dem Bilde des Hochaltars in
der Kirche St. Clemente in Brescia, welches der Verfasser mit
Recht als eins seiner Hauptwerke anfihrt, méchte ich noch eben
daselbst die Krénung Maria in der Kirche St. Nazario e Celso,
und der Maria in der Herrlichkeit von vier Heiligen verehrt, in
der Kirche St. Eufemia als Werke ersten Ranges nennen. In
dem ersten entspricht die Zartheit und Verklartheit der religié-
sen Empfindung, der wunderbaren Feinheit des ihm in vielen
Bildern so eigenthimlichen Silberlons, und gehért der Engel
Michael zu den schénsten jugendlichen Képfen, welche die ganze
neuere Kunst hervorgebracht hat; das zweite zeigt, welche Hohe
er auch in dem strengen und grossen Kirchenstyl und in der
Glut der Farbe erreichen konnte. Der Verfasser hat die Ueber
	Kssai dune analyse critique de la notice des tableaux ita-
liens du Musée Nationale du Louvre. -Accompagné d ab-
servations et de documents relatifs & ces mémes tableaux
per Otto Mindler. Paris ches Firmin Didot freres.
1850. 1. Vol. octavo, 229 p. Pr. 3 Fes.
	Yor G EF. Waagen.
	Wenn Jeder, welcher mit Wabrheitsliebe und Begeisterung
auf dem schwierigen Gebiete der Kunstkritik arbeitet, sich
freuen muss, wenn ein Anderer eine Aufgabe, welche er sich
gemacht, in demselben Sinne wieder aufnimmt und der Wahr-
heit wiederum einige Schrille naher bringt, so ist mir dieses
im vollen Maasse mit der obigen Schrift begegnet. Denn seit-
dem ich vor nunmehr zwélf Jahren in meinem Buche ,Kunst-
werke und Kinsler in Paris“ zuerst den Versuch gemacht, dicse
so vielseitig und so trefflich ausgestattete, aber damals so plan-
los aufgestellte Sammlung in dem historischen Zusammenhange
der einzelnen Schulen und Epochen zu betrachten, und manche
	хбШо итюе, oder mir ais zweifelhaft erscheinende Benennungen