2 I
Abb. 1. Selbstporträt. Florenz, Uffizien. (3u Seite 110.)
stimmt, für Beleuchtungsverhältnisse ganz besonderer Art gedacht waren, heute ihrer Mehrzahl nach diesen natürlichen Bedingungen ihrer Existenz entrissen und in Galerien aufgestapelt worden, in denen sie vielleicht vor dem Untergang gerettet sein mögen, in denen aber nichts mehr von dem zur Geltung kommen kann, was einft ihre Wirkung bedingte.
Seit Goethe so schrieb, hat sich aber nicht nur dieser Umstand zum Nachteil verändert, vor allem sind auch die ästhetischen AnSprüche an das Kunftwerk als jolches ganz andere geworden. Die Art, wie diese Maler sich ausdrücken, die Sprache ihrer Formenund Farbengebung sagt uns nichts mehr, wie schwer ist es allo, ein Verhältnis zu Kunftwerken zu gewinnen, an denen weder Darstellung noch Mache fesseln und die wir zu allem
Unglück noch unter ungünftigen äußeren Verhältnissen sehen müssen? Wer würde Farbe, Frische und Duft einer Blume nach der verstaubten Spreu des Herbariums beurteilen wollen? So haben die taler des Barock, die Caracci und ihre Schüler im Wechsel des Geschmacks ihren kuf völlig eingebüßt, ihre Werke, die zwei Jahrhunderte hindurch überschwenglich geprießen wurden, sind vergessen und mikachtet, ein Schicksal, das selbst den größten ihrer Schule traf, Guido Reni. Derjelbe Mann, den die Zeitgenossen als Vater der neueren Kunft betrachteten, der den Asthetikern des liebzehnten Jahrhunderts neben Phidias und Raffael als der größte Künftler galt, den zu loben und zu preisen kein Epitheton zu übertrieben schien, derselbe Mann wurde zweihundert Jahre nach seinem Tode nicht mehr zu den großen Künftlern gerechnet. Als Paul Delaroche 1837 bis 1841 im Festfaal der Kunftakademie in Paris sein durch den Stich Henriquel-Duponts Jo berühmt gewordenes Hémicycle malte, auf dem er die Gestalten von 74 Kunstheroen, wie in einem „Wartesaal“ versammelte, da fand er Guido Reni nicht wert, in diesen „Generalstab der Zivilisation“ aufgenommen zu werden. Und doch ist Guido Reni so ziemlich der einzige italienische Künstler des liebzehnten Jahrhunderts, dellen beite Schöpfungen in ihrer Wirkung am wenigsten eingebüßt haben, der einzige, der im hohen Grade volkstünlich geblieben ist. Diese Eigenschaften nun, die ihm nicht nur zu seiner Zeit zu allgemeiner Anerkennung und Bewunderung verhalfen, sondern ihn auch heute noch weiteren Kreisen von Laien so überaus sympathisch machen, sind sein natürliches Gefühl für Schönheit und seine Gabe, die Sphäre der Empfindungen deutlich zur Geltung bringen zu können. Er wirkt immer schön und immer oberflächlich genug, um von jedem verstanden zu werden, Eigenschaften, die in seiner Zeit die Kenner vom Künftler forderten, die aber auch heute noch als unerläßliche Vorbedingungen eines Erfolges bei der großen Menge gelten können.
Über der italienischen Kunft der zweiten Hälfte des Techzehnten Jahrhunderts liegen die Riefen[chatten Raffaels und Michelangelos und hindern die Künftler an