Vorwort.
Wenn das Handbuch der Architektur in erster Linie für die Zwecke des schaffenden Architekten bestimmt ift, so kann darin für die Formenlehre des Ornaments weder eine nur historische Behandlung des Stoffes, noch eine möglich ft umfangreiche Vorbilderfammlung genügen. Nicht, um sie wieder anzuwenden, sollten wir die Bedeutung der Formen vergangener Zeiten zu enträtfeln fuchen, fondern um dadurch zu eigener Selbftändigkeit in unferem künftlerischen Schaffen zu gelangen.
Allgemein gültige Regeln oder Rezepte laffen fich für das Entwerfen von Ornamenten ebenfowenig aufftellen wie für das Komponieren eines Mufikftückes. Sollte aber deshalb die Harmonielehre, der Kontrapunkt, die Lehre der Inftrumentalmufik und der Partituren überflüffig fein? Ebenfo wird auch eine Harmonielehre des Ornaments durch finngemäfse Analyfen dem Entwerfen den manche vergebliche Mühe erfparen, ja manche Anregung zu neuen Gedanken geben; die schöpferifche Phantafie zu erfetzen, vermag fie nicht.
Dagegen kann für die Erfindungsgabe ein Uebermaßs von fertigen Vorbildern geradezu erschlaffend wirken.
Um den Blick auf das Charakteriftische zu lenken, um die Logik der Formen zu zeigen und um das künftlerische Sehen zu schulen, habe ich manche der wichtigsten Bemerkungen in die Zeichnungen felbft eingeschrieben. Um ferner vor Einfeitigkeit des Urteiles zu schützen, wurde verfucht, die ornamentalen Bildungen unter den verfchiedenften Gefichtswinkeln zu betrachten und immer wieder auf deren Zusammenhang mit dem Ganzen hinzuweifen, wobei im Intereffe der Deutlichkeit gewiffe Wiederholungen nicht ganz zu vermeiden waren.
Unabhängig von einer beftimmten hiftorischen oder einer modernen Richtung wurde besonderer Wert auf möglichft augenfällige Beispiele und Gegenbeifpiele gelegt, eine Methode, welche meines Wissens zuerft von H. Mayeux in feinem vorzüglichen kleinen Werke »La compofition décorative« (Paris 1885) fyftematifch angewendet wurde in der richtigen Erkenntnis, daß nur durch den Vergleich unfer Auge felbftändig zu urteilen vermag.