161 lerischer Reflexion ihr Entstehen verdankt zu haben schienen und dass eben jene Disposition den Maassstab fiir die kiinstlerische Ausfihrung abgegeben haben mochte. Ueberall aber machte sich in Schirmer’s Motiven ein gewisses Wohlgefallen am Romantisch - Zufalligen, Frappanten bemerkbar, das unser Schénheitsgefithl nicht allemal befriedigte. Diese Beobachtung drangte uns zunichst seine ,,Felsenpartie zwischen Celte und Montpellier“ auf, ein Motiv, das in seinen Grundziigen schéner landschaftlicher Elemente wie z. B. der aus dem Felsenschoosse niederstiirzende Wasserfall, nicht entbehrt, dagegen ungefiige und barok, wie Schirmer es uns vorfiihrt, eher einer Caprice als kiinstlerischem Bedirfnisse seine bildliche Verkérperung zu verdanken scheint. Das Bild enthalt in den organischen Partien und Vordergriinden manches Anziehende , dessen saftige Frische jedoch wiederum zu der Trockenheit und Kalte der Téne sich nicht recht figen will. — Bedeutender war eine zweite Landchaft, die den befremdlichen Namen ,,der barmherzige Samariter“ fihrte. Wir hatten uns demnach auf eine Landschaft historischen Styls gefasst gemacht, tberzeugten uns aber auf den ersten Blick, dass hier blos Zufall oder Laune, wenn man will, Landschaft und Staffage zusammengefithrt hatte und die Darstellung tieferer Beziehung zwischen beiden keineswegs in der Absicht Schirmers gelegen halte. Wir befinden uns am Saume eines italienischen Urwaldes, so dass uns einerseils die Einsicht in dessen jungfrauliches Pflanzenleben und -weben, andererseits mehrere durch braune Kastanienstimme eingerahmte Blicke in die duftige Landschaft verstaitet sind. Das Ganze ist in hohem Grade malerisch, mit der Schirmer eigenthimlichen Richtung auf das romantische, geheimnissvolle Naturleben im Walde empfunden, so dass wir ein Waldesmarchen zu héren wahnten und unwillkiihrlich dem Jauschten, was die Baumwelt einander erzillte, — Unter den landschaftlichen Compositionen, in denen die Romantik der Farbenstimmung am freisten zu Tage trat, ist vor Allen eine effektvolle spanische Farbendichtung von A. v. Wille in Diisseldorf ,,Abend in einem Parke“ hervorzuheben. Der Kiinstler hat die beabsichtigte Wirkung durch eine poetische Verwebung von Landschaft und Staffage erreicht. Eine Gesellschaft vornehmer Damen und Herren in reichen spanischen Kostiimen hat das durch die Baiume schimmernde Schloss zur Zeil der Sonnenneige verlassen, um eine abendliche Gondelfahrt im Parke zu machen. Wir sehen ein mit purpurnem Zeltdache geschmiicktes Fahrzeug dem Ufer langsam sich zuwenden, um die Harrenden aufzunehmen: Darin sitzen schon einige Damen und horchen dem Gesange ihrer Cavaliere. Ein Dom von immergriinen Eichen wélbt sich tber dieser Scene, lasst aber den schénen landschaftlichen Hinlergrund mit dem aufgehenden Monde frei, wahrend die abendliche Glut des Sonnenlichts von seitwarts sich fiber den Vordergrund ergiesst und Figuren, Gondel und Laubwerk prachtvoll vergoldet. Die Poesie der Conception und die Heiterkeit der Farbenstimmung verliehen diesem Bilde einen eigenen Zauber, wiewohl die Perspective der architektonischen Vordergrinde und die Ausfihrung der Figuren nebst dem botanischen Detail Mancherlei zu wiimschen iibrig gelassen hatle. — Die Elegie der Farbenstimmung fanden wir mit einem dem vorhergehenden verwandlen architektonisch-landschafllichen Motive schén vermahlt auf einem Bilde von C. Ross in Miinchen ,,cine verlassene italienische Villa‘‘, wahrend 0, Achenbach in Disseldorf ,,.Motiv zwischen Albano und Castell Gandolfo“ cine heitere Farbenmusik von Sonnenschein und Aether-blau im Walde auf uns einwirken liess. — A. Lucas in Darmstadt endlich schloss die Reihe der Darsteller siidlicher Landschaften mit einer stimmungsreichen Abendlandschaft: ,, Hirtenzug im Sabiner-Gebirge“. Durch die sonnenverbrannte herbstliche Gcbirgslandschait kommt auf staubbedecktem Pfade, Kopf an Kopf gedrangt, cine Ziegenheerde des Weges gezogen, sammi ihren Treibern eingehillt in eine gelbe Wolke von Dunst und Staub. Dicht lagert der mehlige Staub auf Baumen und Strauchern am Wege und eine trockene Schwiile ziliert in der diirstenden Athmosphire. Wir wurden durch die wahre Auffassung der lechzenden Kreatur, das Dringen und Treiben der gehérnten Phalanx tiberrascht, fanden dagegen die Sterilitat und Unformlichkeit der Vegetation etwas zu stark betont. — Frisch und Kiihle athmend versetze L. Rausch’s in Diisseldorf: ,,Sonnenuntergang“ den neigenden Tag unter nérdliche Zonen, indem die Sonne, hinter einer Wolke verborgen, ihren Scheide. gruss auf die gekrauselte Fliche eines klaren Gebirgssees entsendet. — Auch T. Kotsch in Hannover blieb seiner Naturanschauung treu, indem er in zwei Abendlandschafien norddeutsche Motive in Effekt zu setzen sirebte. Das eine Bild, ein Motiv vom Regenstein bei Blankenburg, mit Halberstadt in der Ferne, stellt den Moment kurz vor Einbruch der Nacht dar. Die Sonne ist schon lange hinunter und ihre letzten Lichter siumen den Horizont. Scharf tauchen die Umrisse des nach der Ebene schroff abfallenden Felsens, die Thiirme der fernen Stadt und der leuchtende Spiegel eines hineincomponirten See’s dahinter aus der Dammerung hervor. Es ist nicht zu laéugnen, dass dieses Motiv reicher an landschaftlichen Linien ist, als der deulsche Norden es gewdhnlich darzubieten pflegt und dass dessen Wahl und Verarbeitung zum Bilde von kinstlerischen Mitleln und poetischer Empfangniss Zeugniss ablegen. Dagegen geht der Ausfiihrung die nothwendige Grindlichkeit und Wahrheit ab und erhebt sich nicht tiber das Niveau einer Effektma~ lerei, der es vor Allen darum zu thun ist, Beleuchtungsgegensitze zu erzielen, unbekiimmert um deren optische Méglichkeit. Denn wodurch der Kistler die Helligkeit des Vordergrundes bei der vorgertickten Dammerung in der Ferne zu rechtfertigen vermag, ist uns nicht recht erklarlich. — Auf dem zweilen Bilde sehen wir das Innere eines deutschen Hochwaldes im Abendsonnenscheine glithen. Hine von Schlingpflanzen dicht umrankte Kapelle schmiickt die weite, mit Baumgruppen besetzte Lichtung. Ein blau-griinlicher Lufiton, welcher eine stereotype Zugabe auf Kotsch’s Bildern zu sein scheint, macht sich hier abermals in unwahrer Weise breit und verrath eine bedenkliche Abirrung von den Spuren der Natur. So wenig, wie wir uns, im Interesse der Natur, mit den Ténen dieses Bildes einverstanden erkliren, ebensowenig kénnen wir der conyentionellen Zeichnung des Baumschlags und der theilweise ziemlich steifen Architektur der Waldparlien unseren Beifall zollen. — C. Mentzel in Hannover neigte in zwei keck gemalten landschaftlichen Skizzen zu einer Kotsch verwandten, jedoch anspruchsloseren Wahl von Slimmung und Motiven. — A. Bromeis in Frankfurt a. M. halte dagegen in seiner ,,Abendlandschaft mit Vieh“ die Hélty’sche Idylle ziemlich trocken und nicht gliicklicher als Andere vor ihm in Farben zu tibersetzen versucht, wiewohl die Hinterund Mittelgriinde nicht ohne Verdicnste sind und dort der norddeutschen Landschalt das abendliche Gewand gul steht. (Schlass folgt.) Edunstliteratur. Geschichte der deutschen Kunst. Von Krust Forster. Zweiter Theil. Won Anfang des 15. bis Mitte des 16. Jahrhunderts. Mit 16 Stahlstichen. Leipzig, T.O. Weigel. 1853. Уоп В. А, ШиЩе». Wenn das deutsche Kunstblatt beim Erscheinen des ersten Theiles (1851) der Geschichte der deutchen Kunst von Ernst 19 *