barer und übertragbarer allgemein gültiger Schönheit gesucht.
Im Bilddruck ist der Weg Schritt für Schritt zu verfolgen. Kupferstiche und Holzschnitte enthalten das Eigenste.
Zeitumstände, örtliche, wirtschaftliche und religiöse Verhältnisse beengten die Tafelmalerei. Selbst der kaiserliche Gönner verlangte nicht Malwerk, sondern den Holzschnitt, als er den Glanz seiner Majestät, den Ruhm seiner Taten und Abenteuer zu verewigen wünschte. Die Themata der kirchlichen Malkunst, herkömmlich und eng gebunden, ließen der schöpferischen Bilderfindung wenig Spielraum.
Dürer wandte sich nicht nur an einzelne Gönner oder an die heimische Stadtgemeinde, sondern an die deutsche Nation und wußte deshalb die Ausbreitungs
möglichkeit des heimatlos schweifenden Bilddrucks zu schätzen. Der Erfolg gab ihm Recht. Ueber die Grenzen Deutschlands wurde er berühmt durch den Reichtum an Bildgedanken, den die Holzschnitte und Kupfer
stiche überallhin ausstreuten. Im Bilddruck war der Meister unabhängig, als sein eigener Auftraggeber und Verleger.
Die Linie, das Grundelement in der „gedruckten Kunst“, aktiv und geistig, steht im Gegensätze zu der ruhenden Farbfläche und paßt deshalb zu einer männ


lichen Natur und zu einem streitbaren Zeitalter. Die


Malerei ist illusionistisch und naturnah mit der Farbigkeit und dem großen Maßstabe, die Linienkunst dagegen un
sinnlich, asketisch, sie stilisiert und gestattet, nicht unähnlich dem Vers im Gegensätze zur Prosa, unirdische Visionen glaubhaft zu verbildlichen. Im Bilddrucke gab Dürer seiner Phantasie die Zügel frei.
Dies sind einige Gründe, aus denen die Bedeutung der Holzschnitte und der Kupferstiche innerhalb des Dürer’schen Schaffens verständlich wird.


Allzu einfach ist die Erklärung, Dürer sei seiner Anlage nach Zeichner und nicht Maler gewesen


etwa noch mit dem plumpen Zusatz: die Deutschen sind keine Maler. Worin besteht denn Dürers Leistung und Errungenschaft, wenn wir den Beginn und das Ende vergleichend betrachten? Wie hat der Meister den Kupferstich und den Holzschnitt von seinen Vorgängern übernommen und wie diese Ausdrucksweisen seinen Nachfolgern hinterlassen? Er hat das Linien
geflecht verdichtet, den bildmäßigen Zusammenhang erzwungen, die räumliche und plastische Illusion gestei
gert, Licht und Luft eingelassen, also mit der Sehweise des Malers den Bilddruck unendlich verfeinert und
bereichert. Er war doch ein Maler, wenn er auch aus Ursachen äußerlicher und innerlicher Art seine Kraft auf die Linienkunst konzentrierte.
Die Ausstellungen, die aus Anlaß des Gedenktages eingerichtet werden, können, verständig besichtigt, seinen Ruhm bestätigen, sogar stärken und erneuern. Ihr schönster Erfolg wäre, wenn seine Persönlichkeit, die ein Kapitel der deutschen Bildung ist, als Gestalt in die deutsche Anschauung eingefügt würde.
Dürer
Probedruck des
Titelblatts zur Großen Holzschnittpassion
B. 4
Auf Ochsenkopfpapier
Im Besitz
von C. G. Boerner,
Leipzig
Lagerkatalog XL11