Einleitung. 
Der gewöhnliche Sprachgebrauch unterscheidetzwischen n der „Architektur“ und dem „Bauwefen“. Die Ausdem gabe des lehtern ist es, den materiellen Bedürfnissen en des gewöhnlichen Lebens zu dienen, die der höhern en Archteltur, neben Erfüllung des Bedürfnisses durch ihre re Formen das Auge zu erfreuen, im Beschauer Gefühle iff und Gedanken anzuregen. Es ist also der Begriff nd „Kunft“ im engern Sinne, der sich hier äußert, und uns es hängt offenbar damit zufammen, dass die deutsche Spraße nur Einen Ausdruck hat für die Kunft im man weitern Sinne, d. h. für alles Können des Menschen, für alles, was er selbstbewußt schafft, und die Kunft uit im engern Sinne, d. h. für alles das, wodurch er er Gefühlen und Gedanken Ausdruck geben und folche Hbeim Beschauer wieder anregen will, wenn der Sprachgebrauch mit Vorliebe das fremde Wort „Architektur“ für die Baukunft im Gegenfahr Kunft zu bauen wie anwendet. Man hat allerdings im gewöhnlichen Leben Veranlassung genug, die beiden Zweige als getrennt nebeneinander hergehende zu betrachten, wie die materielle Richtung und die ideale in der ganzen Cultur ur nebeneinander hergehen. Allein wie auch im wirklichen Leben selten eine dieser Culturrichtungen ihre äußerste Schärfe in voller Ausschließlichkeit hervorkehrt, fondern fast jede Erscheinung des Lebens nur das Refultat des aufeinander Einwirkens beider Richtungen ist, so ist auch in der Architektur fast nie blos das Zdeal makzur gebend: es wirken bei jedem Werke jo viele materielle die Factoren mit, das auch sie wesentlichen Einflus auf die Formenbildung nehmen. Andererfeits hat jedes Werk, welches die Kunft zu bauen ins Leben ruft, eine äußere Form, die dem Werke mit Bewußtfein gegeben wirk, die also Ausfluß der idealen Richtung ist, welche wie nie ganz zurückgedrängt werden kann. Es ist daher mehr Herkommen, als theoretisch begründet, wenn man dem Bauwefen einen Theil dessen, was uns auf weit dem weiten Gebiete der Baukunft interessirt, zuweist, und zwar den mehr materiellen, einen andern, den mehr ideellen, der Architektur; und weil das so hergebracht ist, liegt auch hier kein Grund vor, davon abzugehen. Es ist nicht nur möglich, fondern auch entsprechend, die Baukunft, wie dies im Folgenden geund schen soll, vorzugsweise von ihrer idealen Seite zu betrachten, während andere sich die Aufgabe stellen, vorzugsweise die materiellen Seiten derselben zum Gegenstande der Betrachtung zu machen. Eine vollkommene Ausfcheidung wird freilich nicht möglich sein, weil eben in jedem einzelnen Werke beide Richtungen
Einleitung. — Theorie der Armitektonik.
sich aussprechen und gerade aus der Durchdringung derselben sich der Charakter ergibt. Man hat johnn oft ausgesprochen, das die Architektur jeder Zeit deren treuestes Spiegelbild sei. Es ist dies richtig, aber gerade deshalb richtig, weil die materielle wie die ideelle Seite der Cultur in ihrem Zufammenhange aus den Werken der Architektur spricht. Wie aus ihnen der Geist jeder Zeit zu erkennen ist, so spricht er auch aus jedem andern Werke, das die Menschenhand in Verbindung mit dem Menschengeiste geschaffen. Nur ist das alles in den großen Maffen, über welche die Architektur gebietet, in größerer Schrift und darum auch für schwächere Augen deutlicher fichtbar ausgesprochen, als in irgendeinem kleinen Werke, dessen gedrängte und oft verblaßte Schrift nur das geübte Kennerauge lesen kann. Der Zusammenhang mit der Cultur ist in allen Fällen derselbe. Alle Werte verdanken einer gegebenen äußern Veranlaffung und Aufgabe ihre Entftehung, menfchlichen Gestaltungstriebe ihre Form. Diefer Geftaltungstrieb und alle die Werke, welche er gefchaffen, fü können uns daher nach den gleichen Seiten hin zum Studium reizen, vor allem in zweierlei Richtung.
Es ist 1) die Art des Herftellens und Arbeitens, die Technik und die dazu nöthigen Werkb zeuge, deren Studium die Technologie bietet, welche 3 sagen, wie man es anfangen muß, um diefe oder jene Gestaltung ins Leben zu rufen, welche Materialien wählen muß, wie gestaltet die Werkzeuge sein mussen, damit man den Körpern jene gesuchte Erscheinung geben kann. 2) Die äußere Erscheinung f selbst, die dem Gegenftande mittels der Technik gegeben wird und die er annehmen muß, damit er das materielle Bedürfnif erfüllt und dem idealen Triebe entspricht. Das Studium dieser Formenbildung wird Tektonik genannt. Sie befaßt sich mit dem größten mit dem kleinften Gegenftande und die Grundregeln find die gleichen, welche Make auch immer der Gegenftand habe.
In unsere specielle Aufgabe fällt ihre Betrachtung da, wo sie in Werken zur Erscheinung tritt, die im Verhältnik zum menschliden Körper groß zu nennen sind, wo Materialien in folchen Massen zur Anwendung kommen, das zu ihrer Bewältigung das Zujammenwirken vieler Menschenfräfte oder mechanische Hülfsmittel nötig sind. Da nennt man diese Gestaltung großer Formen Architektonik; die Technik, welche Herstellung diefer großen tektonischen Gestaltungen angewandt wird, heißt die Bautechnik oder das Bauen; die Kunft durch das Bauen große, nach den Regeln der Architektonif gebildete Werke zu schaffen, heißt die Baukunft oper Architektur.
Ihre Theorie haben wir zunädft aus dem oben entwidelten Begriffe abzuleiten, sodann aber zu sehen, sich im Laufe der geschichtlichen Entwickelung diese Theorie bewährt hat; denn fast jedes Volt und jede Zeit hat, theils infolge anderer äusierer Bedürfnisse, mehr aber noch infolge anderer Auffassung der idealen Elemente, einen andern Formentreis gebildet, in welchem sich der ganze geistige Zustand desselben getreu widerspiegelt, belher der bestimmteste Ausdrud seiner ganzen Cultur ist.
So sind auch für das gebildete Auge die Kunftwerke, vor allem die Bauwerte, das Spiegelbild des Lebens der Anfdauungen eines Bolks, sie sind die Marksteine seiner Geschichte, die Kunftwerke, die Zlluftration des Entwickelungsganges seiner Cultur; und verschieden wie die Bölker und Zeiten ist der Stil ihrer Kunftwerke.
Wir können, wenn bir die Cultur aller Völker , die über den Erdball gewandert sind, betrahten, nicht
leugnen, daß einige mehr, andere minder dem Zdeale entjpreden, welches als Aufgabe der Menschheit dasteht. So zeigt sich auch in der Baukunft mandes Volks ein Zug zur Idealität, ein Verständnis für die geiftigen Aufgaben der Architektur und eine Geschidlichkeit denselben Ausdrud zu geben, die andern nicht in diesem hohen Grade eigen sind.
Wir können deshalb von einem Volke oder einer Zeit sagen, daß ihre Producte im allgemeinen jchön find, weil wir der Formenbildung im allgemeinen richtige Anschauungen zu Grunde gelegt sehen; von einer andern können wir sagen, daß ihre Producte gefchmacklos sind, das ihre Kunft unentwickelt war, oder eine verkehrte Nichtung genommen hat.
Das liegt aber nicht in der Willfür und Gewalt der Künftler; es ist nur in den Anschauungen und der Bildung des Volks und der Zeit begründet, denen die Künftler angehören. Die Bildung und Anschauung des Volks bildet eine ltmosphäre, der sich jene um so weniger entziehen können, als sie aus ihm hervorgehen und in demjelben stehen. Was das Auge des Künftlers während seiner Entwickelung und Bildung täglich sieht, was sein Ohr ftets hört, die Begriffe, die er in der frühesten Zeit, gleichfam mit der Muttermild eingefogen, was und wie viel er in der Smule gelernt, wie viel in der Werkstätte, was diejenigen jagen und denken, mit denen er Umgang hat, und tausend andere Dinge wirken so auf ihn ein, das sie seinem Geiste die Ring geben, seine Auffassungskraft bestimmen, und selbst der Größte unter ihnen bleibt somit ein Kind seiner Zeit, ein Glied seines Volts.
Um nun aber jedem Bolke in seinen Leistungen auf dem Gebiete der Architektonik gerecht zu werden, müssen wir uns gewissermaken auf dessen Standpunkt stellen; wir müffen fragen: wie fahte es die Aufgabe des Dafeins, wie weit hatte es daher den Drang über seine materiellen Bedürfnisse hinaus geistigen zu folgen, welches waren seine Ideale und wie fanden dieselben in seiner Baukunst Ausdruck? Wir müssen aber auch fragen, in wie weit war der Standpunkt jedes Bolks und jeder Zeit ein berechtigter, inwieweit haben wir darum den Formentreis als eimen rationellen, richtigen und deshalb muftergültigen anzufehen?
Es gibt keine an und für sich absolut schöne Form; ; was in einem Falle fehön ist, ist es in einem andern nicht; und doch gibt e3 allgemeine Regeln für die Schönheit der Formen; es ist nicht Zufall, noch Laune, noch persönlicher Geschmack, der hier das Gefez gibt; es sind allgemeine Regeln, die — dem Künftler bewußt oder unbewußt — den Schöpfungen auf dem Kunftgebiete zu Grunde liegen; je nachdem diese mehr oder minder befolgt oder aus den Augen gelassen werden, entstehen mehr oder minder vollkommene oder unvollkommene Kunstwerke.
Die Producte jener Zeiten und Bölfer, die wir im allgemeinen als Muster hinstellen können, dienen uns dazu, auch in einzelnen Fällen eine Richtschnur zu bieten. An der Hand dieser Producte, auf ihre Autorität gestüht, können wir von Fall zu Fall sagen, ob dies oder jenes schön oder häßlich ist; oder wir können sagen, so und so müffen wir ein Werk bilden, damit es schön wird.
Freilich ist nicht die Autorität der einzige Beg. Logische Schluffolgerung ist ein ebenho sicherer. Allein diefe Theorie ist schwierig zu erfaffen und auch der Zeit nach später dem andern Wege nachgefolgt.
Schönheitsregeln existirten nicht, ehe Kunftperke existirten. Die Kunftanschauungen haben sich bei allen
3
Völkern nach und nach mit der Kunft selbst entwickelt und erst als eine Reihe von Kunftwerken dastand, machte man sich die Regeln klar; dies aber auch nur in den höhern Kunftzweigen; in den niedrigern arbeitete man ebenjo unbefangen, der benuhten Regeln unbewufzt, weiter und sicher nicht zum Nachtheile, denn man möchte fast sagen, daß in den höhern Kunftsphären von dem Augenblide an, als man sich die Regeln klar gemacht hatte, als man sie in ein System gebracht hatte, das jekt der Schöpfung zu Grunde gelegt wurde, der leife erfte Beginn des Verfalls datirt. Es liegt allerdings in der Natur der Sade, daß, wenn ein Höhepunkt erreicht ist, der Verfall eintreten muß; es liegt ebenho in der Natur der Sache, das man sich erst auf dem Höhepunkt um die Feststellung der Regeln kümmert; allein durch das Erkennen und Feststellen der Regel tritt ein Formenføjema an Stelle der urwüchtig aus sich selbst stattfindenden Formentwickelung, und das starre Schema, das die Form nur als etwas sich selbst Bestimmendes erkennt, ist überall die Ursache, aus der anfangs langsam, dann aber rasher und raf Her der Verfall sich entwidelt.
A. Theorie der Architektonik.
Um uns ein System aufzubauen, gibt es also zwei Wege. Den einen bietet das vergleichende Studium der vorhandenen Kunftwerke, die wir gewissermaßen in Atome zerlegen müssen. Ehenso wie der Naturforswer studirt, die Geseze erforscht, nach denen die Natur die lebendigen und lebensfähigen Körper aus den einzelnen Atomen gebildet hat, muß der Kunstforswer aus der Zergliederung der Kunftwerke in Atome die Regeln erkennen, nach denen sie gebildet sind. Er wird das Zufällige von dem Fondern, was sich als gefehmäßig zeigt, indem es sich bei ganzen Serien wiederholt, und das, was er so gefunden, wird als die Regel zu betrachen sein, nach der wir in ähnlichem Geiste schaffen können. Der zweite Weg ist der, durch Schlüsse und Folgerungen aus einem einzigen philosophischen Grundgedanken ein System aufzubauen und Regeln aufzustellen.
Zum Ziele wird freilich nur die Vereinigung beider Wege führen. Der Naturforscher weiß, das alles, w was er unterfucht, was er zerlegt und wieder zusammensext, nicht willkürlich und zufällig ist. Jedes Werk der Natur zeigt die Bollkommenheit des Schöpfers, und wo scheinbare Zufälligkeiten sich zeigen, sind es nicht Zufälligkeiten, fondern durch Einwirkung anderer Factoren entstandene Abweichungen; diese Factoren lassen sich erforschen, ergründen und führen wieder auf ein Geseh zurück. So sicher aber kann man bei Menschenwerk nicht schließen. Hier müssen wir erst prüfen, ob richtige Erkenntnis den Meister geleitet, oder blinder Zufall.
1. Wenn wir jedoch eime ganze Reihe von Bauwerken der Völker und Zeiten, von denen wir sagen können, daß sie dem Culturideale am nächsten standen, das somit ihre Werke am vollkommensten sind, miteinander vergleichen, so finden wir immerhin einen Grundzug, der vollkommen verwandt dem großen Naturgesehe ist, das nämlich kein Theil lediglich zufällig vorhanden ist, sondern das jeder Theil zu dem Eristenzzwede und der Art, wie die Existenz äußerlich sich gestaltet, in directer Beziehung steht. So unendlich mannichfaltig die Natur ihre Geschöpfe gebildet, trägt doch jedes alle Bedingungen der Lebensfähigkeit in sich und hat alle Organe, welche ihm das Leben unter den Bedingungen, für die es bestimmt ist, möglich
* I