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machen, aber auch keins, welches dazu überflüssig wäre. Chenho hat ein vollkommenes Kunftwerk alle die Theile und Formen im Großen und Kleinen, welche dazu nöthig sind, die Aufgabe zu erfüllen und alle sind so gestaltet wie sie zu dieser Erfüllung am entsprechendsten sind. Aber ebenso wenig wie das aus der Hand des unfehlbaren Schöpfers hervorgegangene Naturproduct hat das wirklich vollkommene Kunftwerk irgendeinen Theil, der zwedlos, irgendeine Form, die nicht der innern Bedeutung entsprechend wäre. Jedes Werk der Natur zeigt sich als darakteristisch und ebenjo ist Charakter das erfte, was wir zu verlangen haben, wenn wir ein Werk als schön anerkennen sollen.
Wie jede Gattung der Geschöpfe unter bestimmten Bedingungen existiren soll und das einzelne Individuum nur fast unmerkbar die individuellen Existenzbedingungen erkennen läßt, so treten uns auch ganze Reihen von Bauwerken entgegen, welche, demselben Zwecke dienend, unter gleichen äußerlichen Einwirkungen entstanden, einander fast ebenfo gleichen, wie die vielen Individuen, welche zusammen eine Art im Naturreiche bilden. Locale und klimatische Einflüsse bestimmen für eine verwandte Art etwas andere Functionen, um ein Geringes geänderte Organe, um ein Weniges abb= weichende äußere Formen. So zeigen sich locale Einflüsse in den Monumentengruppen, wenn auch die utHauptbestimmung aller einzelnen Werke bei Fämmtlichen Reihen einer folchen Gruppe die gleiche ist.
Haben wir das vollständige Entsprechen, welches es allen Werken einer folchen Reihe gemeinsam ist, als Charakter zu bezeichnen, so müssen wir das ebenfo vollständige Entsprechen der äußern Erscheinung hinsiehtlich der nur dem einzelnen Werke zukommenden speciellen, gewiffermaßen individuellen Aufgabe als Orginalität bezeichnen. Wie in der Natur von den Hunderttaufenden von Arten, Gattungen und Familien, welche uns in der Gefammtheit der Naturreiche entgegentreten, jedes in seiner Art anders und doch alle vollkommen und schön sind, wie sich in dieser Mannichfaltigkeit eben das große Naturgeseh der vollkommenen Üebereinstimmung von Aufgabe und äußerer Erscheinung darstellt, so auch treten auf dem mum Gebiete der Architektur Hunderttaufende nach Gattungsund individueller Aufgabe verschiedener Bauwerke vor uns, und sie alle können schön genannt werden, wenn sie ebenso hunderttausendfach unter sich verschieden jeweils darakteristisch oder originell das aussprechen, was sie sein sollen, und keins ist schön zu nennen, welches bei abweichender Bestimmung die Formen eines andern entlehnt, das in seiner Weife charakteristisch und deshalb schön ist.
Wenn auch jedes Naturproduct in seiner Art vollllkommen genannt werden kann, so sprechen wir doch von verschiedenen Naturreichen, die eine verschiedene Höhe der Organisation aller ihnen angehörigen Werke erkennen lassen; wir sprechen im einzelnen Reiche von höher oder niederer organisirten Thieren oder Pflanzen; ebenso können wir die Aufgaben und damit den Formenkreis der Bauwerke mehr oder minder hoch nennen, und der Formenkreis der höhern kann ebenso wenig, wenn das Werk schön sein soll, auf niedrigere Aufgaben übertragen werden, als in der Natur ein niedriger organisirtes Geschöpf die Formen eines höher organisirten äußerlich trägt. Nur wo und soweit sie im Zwede übereinstimmen, können sie auch in der Form übereinstimmen.
Nur weil Menschenthätigkeit nicht so unfehlbar ist, wie des Schöpfers ewig wirkende Kraft, finden wir nicht jene Sehrfe des Ausdrucks im Charakter
Theorie der Architektonik.
der Kunftwerke wie bei den Werken der Natur, deshalb mitunter übertragene Formentreije, deshalb mitunter größere oder geringere äußere Verwandtschaft als sie innerlich besteht.
11. Der Charakter eines Bauperks oder deffen originelle Erscheinung hängt wesentlich von der Hauptgruppirung der Waffen ab. für diese Hauptgruppirung der Massen haben wir nun gerade daffelbe Gesek wie es den Schöpfungen der Natur zu Grunde liegt. Diese gibt jedem Geschöofe so viele Organe von folder Größe und Gestalt, wie sie für den Hauptzwed, den das Geschöpf im Haushalt der Natur zu erfüllen hat, am zwedmäßigsten sind. So hat auch der Architekt nach der Bestimmung des Gebäudes die Anzahl, Größe und gegenseitige Lage aller einzelnen Räume, me, die in ihrer Gefammtheit das Bauwerk bilden, zu vertheilen. Je vollkommener er den Zweck erkennt, je vollkommener er in der Naumvertheilung ihm zu entsprechen vermag, um so mehr wird er sein Vorbild, die Schöpferkraft der Natur, erreichen, um so vollkommener deshalb, um so charakteristischer und schöner wird sein Werk fein. Hier zeigt sich die künftlerische Gestaltungskraft bes leitenden Baumeimfters. Es ist dies um so mehr der Fall, als die st Größe der herzustellenden Räume und ihre Verhältniffe nicht blos vom materiell räumlichen Bedürfnisse abhängig sind, fondern auch von dem Eindrude, den sie machen, von den Gedanken, die sie beim dr Befehauer hervorrufe:1 sollen, welche also gewisserm maßen durch dieje Räume verkörpert werden müssen, und so ist der Hauptcharakter des Baues beftimmt durch die aus Durchdringung der materiellen und ideellen Aufgabe sich ergebende Raumanordnung, die somit das erste und wichtigste Moment künftlerischer Gestaltung ist.
Es handelt sich hier, da künftlerische Gestaltungskraft das Wirken der Natur hier vertritt, darum, je= weils zu erwägen, wie weit je nach der größern oder geringern Idealität der Aufgabe, welcher der Bau dienen soll, lediglich das äußerliche Naumbedürfnisch mangebend seiu kann, wie weit aus idealen Rüdfichten darüber hinausgegangen werden darf oder muş. m
Eine Grundregel hat hierin das künftlerische Schaffen der Gestaltungskraft der Natur zu entnehmen. Es ist die Ordnung; sie muß um so mehr den Künftler leiten, als die genaue Heststellung des Raumbedürfniffes sich nicht mathematisch nachweifen läht. Wie die Natur nach Zahl und Max ordnet, so verlangt auch die Ordnung des Kunftwerks, daß Zahl und Maß der einzelnen Räume in einem geometrijch klaren Verhältnisse zueinander stehen. Es w wird für den Einzelraum ein gewiffes geometrifches Verhältnis von Länge, Breite und Höhe ebenfo einen harmonisch schönen und angenehmen Eindruk hervorbringen, wie der Harmonie der Töne ein bestimmtes einfaches Jahlengefez zu Grunde liegt. Und wie für die Einzelräume, jo wird sich auch für die Gruppirung derselben zu einem Gebäudeganzen ein einfaches, klares, leicht ertennbares geometrifches Geseß ergeben. Die Zahl der Räume wird sich nach einem einheitlichen Gefeße, zu welchen das Jahlenverhältnig der Einzelräume iu Beziehung steht, ergeben; nach einfachem Gefeße werden sich größere und kleinere Räume um einen Nittelpunkt, um eine oder mehrere Achen gruppiren, werden sich höhere und niedere Räume aneinander anschließen und übereinander aufbauen. Das große Gefeh der Symmetrie, welches durch die ganze Natur geht, ist auch ein Grundgeseh für die künftlerische Gestaltung. Allein ebenfo wenig
als die Natur dem Gesche der Symmetrie je das der Zwedmäßigkeit geopfert hat, ebenjo wenig darf der Baumeister daffelbe höher stellen als das wirkliche Bedürfnif. Hierin zeigt sich die Künstlerschaft des Meifters, daß er zu entfcheiden weiß, wie weit er zu gehen hat.
Nicht blos die Rüdficht auf die Zweamäßigkeit des Gebäudes nöthigt den Baumeister oft vom Gefehe der Symmetrie und selbst der Harmonie abzusehen. Es treten, wie in der Natur ein Gefeh durch ein anderes durchkreuzt werden kann, eine Anzahl anderer, oft unüberwindlicher Kräfte und Mächte hindernd ein. Die volle künftlerische Gestaltung verlangt freien Raum, auf dem sich das Kunftwerk ungehindert lediglich nach dem innern Kunftgefeße ausdehnen kann. Soll das Werk ein vollendet künftlerisches werden, so müffen alle Mittel vorhanden sein, welche die künftlerische Gestaltung als wünschenswerth bezeichnet. Allein wie der Baum nicht immer im Boden, auf dem er steht, die genügend Nahrung findet, wie beengter Raum ihn an voller allfeitiger Entwickelung hindert, wie die Last des Schnees, der Druck des Sturms auf einzelne Theile deffelben ungleichmäßig einwirkt, wie er jomit darin gehemmt ist, sich in streng symmetrijcher Weise so absolut gleichmukig auszubilden, wie sein Naturgefeh es ihm vorschreibt, wie einfeitige und bis zur Verkrüppelung und Verstümmelung gehende Gebilde infolge der Durchkreuzung des einfachen Wachs3thumsgefezes durch andere Naturkräfte sich ergeben, so treten auch beim Bauverke beföränkter Raum, befhränkte Mittel, Rüdfiwten aufklimatische Verhältnisse u. f. w. hemmend ein, und auch das Kunftwerk kann mitunter nicht ausschließlich dem künftlerischen Gefehe folgen. Es muß sich beshränken, behalfen und entwickeln, wie es eben die äußern Verhältniffe geftatten, und wie mandes Geschöpf, so kommt auch manches Bauwerk über eine verkümmerte Existenz nicht hinaus.
Und doch liegt ein eigener Reiz auch darin. Würde uns wol die Landschaft gefallen, wenn jeder Baum streng symmetrifch aufgewadßen wäre, wie das Jdeal eines Orangenbaums oder einer Kugelakazie? Wie uns gerade dadurch, dass jeder Baum durch alle die verschiedenen Kräfte, welche das einfache Gefeh des Wachsthums durchkreuzen, eine individuelle Erscheinung erhält, die ungeheuere Mannichfaltigkeit anspricht, wie wir die Gruppierung der Teile zu einem lebensvollen Vaume mit Interesse verfolgen, so auch intereffirt uns der Stempel der Originalität, der durch solche äußere Verhältnisse dem Bauwerke aufgedrüßt wird, und die malerische Erscheinung. Wenn aber erst über das Bauwerk nach seiner Bollendung die Stürme der Zeit hingegangen find, wenn sie an ihm gerüttelt und gebrödelt haben, wie die Stürme des you Baumes Aeste knicken, und einzelne zum Absterben bringen, wenn sich an das Bauwerk Moos und Flechten ansehen, wenn sich Staub und Spinnengewebe oder selbst eine ganze Vegetation darauf gelagert hat, dann wächt das Originelle der Erfcheinung, und die Bauwerke üben einzeln oder in Verbindung miteinander einen Zauber aus, der freilich anderer Art ist, den aber ein vollendetes Kunftgebilde ebenfo wenig hervorbringen kann als ein vollkommen unbeeinflust gewachsener, streng gerader Baum. Aber diese malerische Erscheinung des Baums ist nicht das Refultat einer bestimmten Absicht der Natur, nie wird es gelingen, durch künftliches Stuhen und Binden etwas anderes zu erreichen als ein Zerrbild, wenn man Originalität fucht, und so dürfen auch diese Zufälligkeiten nie absichtlich entftehen, sie dürfen nicht wie ein Kunft
geseh betrahtet werden. Das Geseh der Natur weist auf die bestimmtefte Strenge hin, und alles, was der Mensch der Pflanze thun kann, ohne ein Zerrbild daraus zu machen, ist die Beseitigung der Hindernisse, welche der Entfaltung nach dem Naturgesehe im Wege stehen, die Zuführung alles dessen, was sie nach ihrem ursprünglichen Naturgesche bedarf. So entsteht auch in der Architektur nur ein Zerrbild, wo man künftlich das herbeizuführen fuht, was die Zeit dem Bauwerke an Reiz verleiht, nur ein Zerrbild, wo man unnüßerweise und willkürlich das Geseh der künftlerisehn Gestaltung, das Geseh der Harmonie und Symmetrie verleft. So wenig man ihm die Zwedmäßigkeit opfern darf, so wenig darf man es in ausgesprochener, leviglich falscher künstlerismer Rückficht brechen ; denn es ist und bleibt Grundgeseh aller künftlerischen Gestaltung, wie es Grundgeseh der Natur ist.
Man hat wiederholt die Frage erörtert, ob der Baumeister bei seinen Gestaltungen ausgesprochen mit Zirkel und Winkel ein geometrifches Schema construiren und aus diesem geometrifßen Schema durch fortgefehte Construction sein Gebäude und seine Bauformen entwickeln solle oder oberin künstlerischer Freiheit, lediglich seinem Genius folgend, Größe und Verhältniffe anordnen soll. Die Antwort ist für die Gesammtanordnung einfach die, das, wo nicht äußere H Hemmnisse zur Originalität drängen, wo nicht die Zwedmäßigkeit gebieterisch Gestalt und Größe vorschreibt, ein symmetrifch geordnetes, in harmonisch zueinander ftimmenden Jahlenverhältniffen geordnetes Werk zu verlangen ist. Ob nun aber eigener Sinn für Verhältnis und Harmonie den Künftler dabei leitet, oder ob er sich darauf weniger verlassen zu können glaubt als auf eine geouetrifche Construction, das ist individuell.
III. Um die Räume zu umschließen und zu bededen, um sie voneinander zu trennen, sowie um äußerlich sprechende Formen für den Bau zu gewinnen, dienen die Massen, welche aus dem Baumaterial gebilder werden. Jedes Material hat andere Eigenschaften. Auch hier ist die Natur, hinsichtlich der Wahl, des Baumeisters untrüglichste Lehrmeisterin. Sie hat die Berge aus hartem Geftein gebildet, aus elastischem Holze den schlanken Baum, welder, dem Stoße des Sturmwindes nachgebend, sich beugt und stolz wieder, zurüdgefchnellt, in ursprünglicher Form dafteht. Sie hat aus fester Masse das Knochengerüst der Thiere gebildet, elastische Sehnen dahin gefeht, wo die Knochen sich bewegen sollen, aus weiHem, nachgiebigem Fleische hat sie den umkleidenden Muskel gebildet, doch stramm genug, um Träger der Kraft zu sein, welche das Geschöpf auf der Erde oder durch die Luft bewegt. So vollkommen wie die Natur hat der Baumeister die Wahl seines Materials nicht frei. Allein auch er wird bei einem Werke, welches die Jahrtaufende überdauern soll, das festeste und beste wählen. Er wird die Theile, welche Lasten zu tragen haben, aus dem härtesten und widerstandsfähigsten herstellen, die, welche blos ihrer selbst willen als Träger eines reichen Formenspiels vorhanden sind, aus einem folcyen, das die Formen annimmt. Aber nicht nur auf die aus dem Bauwerke selbst hervorgehenden Bedingungen hat sich des Baumeisters Augenmerk zu richten; auch den Angriffen äußerlich wirkender Kräfte zu begegnen, wenn das Werk Dauer haben soll. Steine verwittern, das Feuer verzehrt das Holzwerk, Rost und Erswütterungen nehmen des Eisens Festigkeit. Je nachdem nun eine oder die andere Art des Angriffs durch die Verhältnisse zu fürchten ist, wird